Krise

"Ich hab nur im Rückspiegel gesehen, wie der Typ plötzlich von der Fußgängerbrücke runterkam. Das hat ausgesehen wie im Kino. Der hat sich an einem Seil von oben runtergelassen. Dann hatte er eine Pistole in der Hand und ist auf das Auto hinter mir losgerannt, eine von diesen großen Kisten, du weißt schon. Und dann ist noch einer die Brücke runter. Zu zweit sind die auf das Auto zu. Mehr hab ich nicht gesehen, und ich wollte mich ja auch nicht umdrehen. Und dann ist der Verkehr weiter. Ich hab einfach auf's Gas getreten."

kara k.o. ke

Der Pianist spielt den ersten Takt und sieht José an.
"So?"
"Tiefer, tiefer."
"So?"
"Mh."
Der Pianist beginnt mit dem Vorspiel. José zieht an seiner Zigarette und singt:

"Nací con la luna de la plata...
Nein, nein, nein, stop, stop, das ist viel zu hoch."
"So?" Der Pianist spielt die ersten Takte an, diesmal etwas tiefer.
José singt, ohne auf das Klavier zu warten. Der Pianist setzt ein.
"Nací con la luna de la plata.
Y nací con alma de pirata.
He nacido rumbero y jarocho trovador...

[kommt aus dem Takt]
Nein! Nein, so geht das nicht, so geht das nicht!"
José stürmt an den Tisch zurück.
"Der spielt absichtlich so, dass ich nicht singen kann. Habt ihr gesehen, wie der mich fertigmachen will? Der hat was gegen mich, weil ich singen kann, und weil er nicht Klavier spielen kann!"

licence to...

"Können Sie mir bitte hier unten unterschreiben, dass ich Ihnen eine Einführung gegeben und Pistole und Dienstausweis ausgehändigt habe?"
Die junge Frau überfliegt das Formular und stutzt.
"Aber Licenciado, hier steht, dass ich ein Gehalt von 4.850 Pesos im Monat bekomme. Haben Sie mir nicht gerade eben was von 20.000 gesagt?"
Der Mann sieht sie an. "Also was genau haben Sie jetzt nicht verstanden? Ich gebe Ihnen die Pistole und den Ausweis. Um den Rest kümmern Sie sich."

Vorfreude

Aldo kommt schwanzwedelnd in die Küche gelaufen. Lulú bückt sich und streichelt ihn.
LULÚ: Was meinst du, Adriana, sollen wir Aldo an deiner Hochzeit eine weiße Schluppe umlegen?
ADRIANA: Nh.
LULÚ: Au ja, wir legen ihm eine weiße Schluppe um!
ADRIANA: Ah.
Lulú summt die ersten Takte von Wagners Hochzeitsmarsch. Adriana hält sich die Kaffeetasse vors Gesicht, macht einen Schritt zur Seite und verschwindet hinter der Tür.

Virgencita, ¡pliiis!

LULÚ: Sag mal, wie geht´s denn Miguel Angel? Müssen sie dem die Gallenblase jetzt noch vor eurer Hochzeit rausnehmen?
ADRIANA [spielt mit einem bunten Stoffarmbändchen, das Lulú ihr geschenkt hat]: So ein Armbändchen mit der Jungfrau musst du unbedingt auch für Miguel Angel besorgen!
LULÚ: Sag doch mal, wie geht´s ihm denn?
ADRIANA [liest die Aufschrift auf dem Armbändchen]: Jungfrauchen, pliiis beschütz mich und meine Freunde. Ich find diese Karikaturen ja superwitzig. Aber Miguel Angel regt sich nur noch darüber auf, dass die jetzt auf jedem Auto kleben. Der kotzt bestimmt, wenn du dem das schenkst. [kichert]
LULÚ: Hallo, Adriana! Wie geht's Miguel Angel?
ADRIANA [bindet sich das Bändchen um]: Ist ja eigentlich unglaublich, dass die Katholiken sowas erlauben [kichert]. Also wenn ihr wieder nach Coyoacán kommt, müsst ihr mir unbedingt...
LULÚ [laut]: Bitte, Adriana, hörst du mir vielleicht mal zu? Ich will wissen, wie es Miguel Angel geht!
ADRIANA [schaut auf]: Ach der. Dem geht´s ganz gut, glaub ich.

Día del muerto

DAYANA: Hör mal, wenn du von uns beiden zuerst stirbst, wer bekommt dann deinen Körper?
HECTOR: [schaut sie an]
DAYANA: Antworte mir!
HECTOR: Na du, nehm ich an.
DAYANA: Nicht deine Söhne?
HECTOR: Ich glaub nicht. Ich nehme an, dass du ja dann bei mir sein wirst, oder?
DAYANA: Also ich bekomme dann deinen Körper?
HECTOR: Ich denke ja.
DAYANA: Gut. Dann kaufe ich nämlich schonmal unser Grab. Nicht dass du mir nachher mit so nem Scheiß kommst wie dein Onkel. Da ärgert man sich Jahre lang mit nem Typen ab, und dann will der neben seiner ersten Frau begraben werden.

Öffentlicher Nahverkehr

»Der hat sich im Bus neben mich gesetzt und mir erzählt, dass er Socken verkauft. Er hatte ne Plastiktüte voller Socken dabei und hat mir ein paar gezeigt. Ich hab zu ihm gesagt, ein Paar kauf ich dir ab, aber nicht mehr, ich weiß ja nicht, ob sie mir passen. Ich hab ja eigentlich gar kein Geld, aber ich fand den Typen ganz sympathisch und hab mir gedacht, naja, der Arme will auch essen. Da hat er zu mir gemeint, du kannst sie ruhig mal anprobieren. Er war total nett. Ich hab zu ihm gesagt, ich muss hier aber gleich raus, und da hat er gesagt, das macht nichts, ich steig mit aus und du probierst sie draußen auf ner Bank an. Wir sind an Reforma und Río de la Plata raus und er hat mir das Paar Socken gegeben. Aber du weißt ja, da vorne gibts keine Bänke, und wir haben uns auf die Treppe vom Marquís gesetzt. Ich hab mir die Sandalen ausgezogen und mir eine von den Socken angezogen. Und wie ich die andere anziehen will, sehe ich, wie der Typ vor mir auf der Treppe liegt und meinen Fuß im Mund hat.«

Arena México

„Wichser!”, schreit die alte Dame mit dem kleinen Jungen auf dem Schoß. „Schwuchtel! Fick deine Mutter!”
„Schwuchtel!” ruft der kleine Junge.
Der Hundesohn springt auf die Seile des Rings, schlägt sich mit beiden Fäusten auf die nackte Brust und schaut mit wildem Blick in die Runde. Das Publikum unten am Ring schreit ihm seinen Hass entgegen. Von den oberen Rängen gröhlen seine Fans und schlagen gegen die Absperrzäune.
In diesem Moment klettert der maskierte Dr. Wagner in den Ring und verbeugt sich nach allen Seiten.
„Wagner! Wagner!” skandieren die Zuschauer unten.
Der Hundesohn springt Dr. Wagner mit beiden Beinen von hinten in den Rücken und reißt ihn um. Dann tritt er auf den am Boden liegenden ein.
"Buh!", schreien die Zuschauer.
„Papa!”, ruft der kleine Junge.

Nachbarschaft

"Sag mal, hast du das auch gehört?" Er sieht sie an.
"Ja. Das geht schon länger so."
"Seit heute morgen, oder?"
"Gestern auch schon, glaub ich."
"Was...? Wer ist das? Woher kommt das?"
Sie zeigt auf die Wand hinter dem Bett.
"Meinst du?"
Sie nickt. Die beiden lauschen. Es ist still.
"Ich geh mal rüber."
Die beiden stehen vom Bett auf, gehen in die Küche und horchen zum Fenster hinaus. Aus dem dunklen Lichthof dringt ein langgezogenes Wimmern, das immer lauter wird und in einem spitzen Schrei endet.
"Was...?" flüstert er.
"Meinst du nicht, das sie das ist?" Mit einem Nicken zeigt sie auf das Küchenfenster gegenüber.
"Nicht vielleicht die drunter?"
"Aber es ist doch nirgends Licht."
"Oder von weiter oben?"
"Glaub ich nicht."
Sie lehnen sich zum Fenster hinaus und starren auf die Reihen der dunklen Fenster. Wieder hören sie das Wimmern.
"Im Schlafzimmer hört es sich so an, als wäre es direkt nebenan."
"Das kann auch der Beton sein. Der leitet den Schall."
Das Wimmern hört nicht auf und wird immer wieder von lautem Schluchzen unterbrochen.
"Aber, das ist doch kein Weinen, oder?"
"Ich weiß nicht. Es klingt so..."
"So weint doch niemand. Das klingt doch eher so..."
"...als würde sie sich mit irgendwas weh tun, oder?"
Ein Schrei gellt durch den Innenhof, gefolgt von schluchzendem Weinen. Die beiden blicken eine Weile hinaus ins Dunkel, dann gehen sie zurück ins Schlafzimmer.

Ohne Worte

Lange blickt die alte Dame auf den Rücken des jungen Mannes, der am Nebentisch sitzt und liest. Schließlich schlägt sie mit ihrem Stock auf den Tisch: erst langsam und leise, dann immer schneller und immer lauter. Der junge Mann dreht sich zu ihr um. Sie lächelt ihn an und sagt: "Ist heiß heute."

Monday morning, 10 a.m.

DAYANA: Was ist los, Mari? Du machst schon den ganzen Morgen so ein Gesicht.
MARISOL: [mit Tränen in den Augen] Ach, du weißt schon.
DAYANA: Der Yerri?
MARISOL: Ach, es ist immer das gleiche. Alles bleibt an mir hängen. Gerardo macht im Haus keinen Finger krumm. Und ich zahle alles, Auto, Miete, die Klamotten für die Kleine, Kindergarten... Gestern haben wir uns gezofft und ich hab zu ihm gesagt, er soll sich endlich einen gescheiten Job suchen. Und weißt du, was er zu mir gesagt hat? "Geld interessiert mich nicht." Ich weiß einfach nicht mehr, was ich machen soll.
DAYANA: Hör zu Schwester, ich geb dir einen Rat, den mir meine Mutter gegeben hat. Du und ich, wir haben uns entschieden, Karriere zu machen. Die Männer, die du suchst, die das Geld ranschaffen, die wollen nur Frauen, die den ganzen Tag zuhause sitzen und Babys wickeln. Für uns bleiben nur die Faulenzer übrig. Das geht mir mit meinem Typen ganz genauso. Wenn dein Yerri nichts verdient, dann bleibt dir nichts anderes übrig als das Täschchen aufzumachen und zu zahlen. Aber ich sag dir was. Dann musste du auch dafür sorgen, dass er dich von vorne bis hinten bedient. Ich hab meinen Hector gut erzogen, der bringt mir das Frühstück ans Bett, kauft ein und räumt die Wohnung auf. Gut, manchmal stellt er sich doof. Aber ich hab ihm gesagt, "Schau her, Papi. Die Wohnung gehört mir, das Auto auch. Wenn du keine Lust mehr hast, deinen Teil zu übernehmen, dann bist du ganz schnell hier raus. Dann packst du deine Unterhosen zusammen, mehr hast du eh nicht mitgebracht, und gehst, aber zack-zack."

Mit Verlaub

FAHRGAST: Ich glaube, wir sind grade in die falsche Richtung in die Einbahnstrasse reingefahren, oder?
TAXIFAHRER: Eh?
FAHRGAST: Ich glaube, da war grade ein Schild "Durchfahrt verboten", oder?
TAXIFAHRER: Ach so, das Schild da. Ja. Das ist für die Auswärtigen. Wir hier aus dem Stadtteil, aus dem Dorf, wir geben uns die Erlaubnis.

per aspera

JOSÉ: Sag mal, habt ihr inzwischen einen Termin für eure Hochzeit?
MIGUEL ÁNGEL:
Nein, wir gehen morgen nochmal aufs Standesamt.
JOSÉ:
Meinst du, ihr bekommt diesmal einen?
MIGUEL
ÁNGEL: Weiß nicht. Diese Richter sind doch alle Verbrecher.
JOSÉ:
Aber ehrlich, wie konntet ihr auch so doof sein, die Gebühr zu überweisen!?
MIGUEL
ÁNGEL: Ich gebe dem Richter keinen Centavo. Auf der Website der Stadtverwaltung steht ausdrücklich, man soll die Gebühr auf keinen Fall dem Richter geben. Im Internet bekommst du eine Referenznummer ...
JOSÉ:
Ja, aber es weiß doch jeder, dass...
MIGUEL
ÁNGEL: [springt vom Tisch auf] Diese Richter sind die schlimmsten Verbrecher von allen, schlimmer als alle, die sie einbuchten sollen! Da sind mir die Entführer noch tausend Mal lieber! Die halten einem wenigstens ihre Pistole unter die Nase! [fuchtelt mit dem Finger in der Luft herum.] Aber die Richter, das ist doch echt die schlimmste Sorte Verbrecher!
[geht erregt ab.]

Nein

"Alegría?" fragt sie und hält eine Tafel Amarant hoch.
"Danke", murmelt er, blickt verschämt zur Seite und geht vorüber.

Die Ausgewanderten

Leicht gebückt geht sie um die Ladentheke herum und sammelt die Kalender wieder ein.
"Die Kunden machen sie auf, und die nächsten wollen dann zehn Prozent", sagt sie und hängt die Kalender wieder an ihren Platz.
"Dabei sind die Bilder doch alle hintendrauf. Ich lass sie die jetzt nicht mehr aufmachen."
Sie humpelt zurück hinter die Theke. "Hast du gehört, Heinz? Lass sie die nicht mehr aufmachen!"

Vater unser

Er sieht er sich noch einmal in seinem Handspiegel an, verreibt die weiße Farbe auf der Stirn zieht sich die roten Lippen nach. Sorgfältig verstaut er die Schminkstifte und den Spiegel in einer Plastiktüte, kniet auf dem Boden nieder und bekreuzigt sich.

Als ich losfahre, sehe ich aus dem Augenwinkel, wie er auf die Kreuzung hinausgeht. An der einen Hand hält er einen kleinen Jungen, mit der anderen wirbelt er drei Orangen durch die Luft.